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2.- 6. September 2000, tägl. 18:00 - 22:00 Uhr
HAMBURGER KAMMERSPIELE
No Geist without Ghost. T. E. Hulme
Die "Filiale für Erinnerung auf Zeit" ist
ein sprechender Erinnerungsort. Das gesamte
Haus der Hamburger Kammerspiele mit Keller, Nebenräumen und Dachboden
wird zu einer medialen Installation, die den Vorgang und die Konstruktion
von persönlicher und kollektiver Erinnerung beobachtbar macht.
Sich erinnern, das ist ein intimer, persönlicher Moment,
der sich gleichzeitig auf der Folie kollektiver Erinnerung abbildet und
die Gedächtnismetaphern vergangener Zeiten zitiert. Es ist ein aktuelles,
in der Gegenwart stattfindendes Ereignis des Einprägens und Rückrufens
spezifischer Inhalte, ein Dekonstruktions- und Konstruktionsvorgang, der
so entgegengesetzte Funktionen wie das Bewahren und Löschen von Daten
leisten muß.
In der "Filiale für Erinnerung auf Zeit" kann man diesen
Vorgang im Gespräch zwischen Erzähler und Zuhörer, im Dialog
von Fachleuten und im Interview mit dem Publikum verfolgen.
Das labyrinthische Gebäude der Hamburger Kammerspiele
ist die Bühne, auf der man die Etablierung und den Entwurf von Erinnerung
im Sprechen erleben kann: als eine grelle Sprachgaukelei oder ein raunendes
Melodrama, als eine scheinbar ehrliche oder brillant gelogene, eine plötzlich
auftauchende oder lang vorangekündigte Veranstaltung unseres privaten
Gedächtnistheaters, in dem wir gleichzeitig als Autor, Darsteller,
Regisseur und Souffleur auftreten.

Die Gesprächsformate
Es treffen sich Künstler, Wissenschaftler, Zeitzeugen, Medientheoretiker,
Archivare und Sammler, die sich im Gespräch zu zweit zu verschiedenen
Aspekten der Erinnerungs- und Gedächtniskunst unterhalten werden.
Es sind keine Vorträge oder Reden, in der "Filiale" wird
dialogisierend nachgedacht und sich erinnert. Es gibt fünf verschiedene
Gesprächsformate: Fachgespräche, Vorstellungen von Archiven
und Forschungsprojekten, Präsentationen von Künstlern und deren
privaten Sammlungen, Interviews mit dem Publikum und ein Erinnerungslaboratorium.
Schlingensief erzählt 4 Stunden
Die Büros und die Wunderkammer der "Filiale"
Die Gesprächspartner begegnen sich in den Büros der "Filiale",
die in dem Publikum bisher unbekannten kleinen Räumen im Keller und
auf dem Dachboden der Kammerspiele liegen.

Peter Fitz und Haralampi Oroschakoff
Themen sind u.a. die Veränderung der Gedächtnis-
und Erinnerungsmetaphern im Medienzeitalter, Ritualen und Denkmälern
des Erinnerns, die jüdischen Geschichte des Hauses Hartungstraße
9, die Problematik digitaler Archivierung, Traumaforschung.
Die Zweiergespräche werden direkt in die mediale Installation gesendet,
die im Zuschauersaal und auf der Bühne situiert ist. Der Besucher
beobachtet die "talking heads" auf Monitoren und Projektionen.
Es wird gleichzeitig aus 9 Büros gesendet, das sind 18 Gesprächspartner,
jeweils ein Sprechender erscheint auf einem Monitor.
Dies ist der öffentliche Ort, der Marktplatz, die Wunderkammer der
"Filiale" zu der jeder Zugang hat und demokratisch/ voyeuristisch
an den Dialogen teilnehmen kann.
Diese "Wunderkammer der Worte" ist eine Ausstellung kommunizierender
Monitore, die ein immaterielles, fließendes, vorüberziehendes
Abbild um den Vorgang des Erinnerns zeigen. Ein permanenter sich überlagernder,
überlappender Sprachfluß, ein verspiegelter Gegenwartsraum
des Erinnerns, ein akustisches Palimpsest.
Der Besucher hat verschiedene Möglichkeiten der Beteiligung:
er kann Fragen in die Büros schicken, er kann in einigen der Büros
Gesprächstermine vereinbaren, er kann sich selber von Fachleuten
der "oral history"-Forschung interviewen lassen, oder mit einer
Voranmeldung die im Keller ausgestellten Archive einsehen und es finden
täglich mehrere Hausführungen statt.
Die Edition
Die Gespräche aus der "Filiale für Erinnerung auf Zeit"
werden nicht aufgezeichnet,
es soll kein neues Archiv entstehen. Die Gespräche stehen kurz, in
einer limitierten Edition, als Tondokumente auf der Homepage des Projektes
zum Download zur Verfügung. Um die Tondatei herunterladen zu können,
muß der Klient seine E-Mail-Adresse angeben. Ist die entsprechende
Anzahl von limitierten Dateien heruntergeladen, sind auf der Website nur
noch die E-Mail-Adressen der Besitzer verzeichnet, entsprechend wird die
Website früher oder später nur noch Referenz-Adressen aufweisen.
So werden die Informationen und Dokumente zu dem Projekt "Filiale
für Erinnerung auf Zeit" zunächst privatisiert, einige
Personen fungieren als Archivare dieser Informationen, dann verschwindet
das ganze Projekt im Netz. Es gibt zwar noch die Möglichkeit eines
Zugangs, man erfährt eine Adresse, aber wer dahinter steht, wie man
die Informationen abfragen muß, das bleibt geheimnisvoll, wie für
K. der Zugang ins Schloß.

Splitt Screen mit Treppen und u.a. Hannes Heer,
Angela Richter,
Anette Leo, Via Lewandowsky, Ulrike Poppe, Christoph Schlingensief,
Alexander von Platow, Haralampi Oroschakoff, Julius Deutschbauer
Ein temporärer Erinnerungsort
"Der Schritt vom Vergessen zum symbolischen Gedenken ist wesentlich
kürzer als der zur aktiven Erinnerungsarbeit." Aleida Assmann
Vorübergehend, für fünf Tage, entsteht hier
ein Begegnungsort, der an sich selbst erinnert. Kein Denkmal, kein festgeschriebenes
Ritual, kein auf Dauer gedachtes Gedächtnismodell, sondern ein dialogischer
Beobachter- und Benutzerraum, der Erinnerungsprozesse und -techniken veröffentlicht,
ohne symbolische Lesart und künstlerische Monumentalisierung.
Die "Filiale" ist vier Stunden pro Tag für das Publikum
geöffnet ist und bezieht sich somit auch auf die tagsüber geöffnete
Versammlungsstätte der 20er und 30er Jahre, bevor das Haus zum Veranstaltungsort
und Theater wurde.
Presse und Texte zur Filale für Erinnerung auf
Zeit:
>> DIE ZEIT,
Süddeutsche Zeitung, Theater heute
>> Dr. Wolfgang Ernst zur
Filiale für Erinnerung auf Zeit
>> Viola Roggenkamp
an Hannah Hurtzig
Konzept Hannah Hurtzig, Anselm Franke
Raum Penelope Wehrli
Medienarchitektur visomat inc., Berlin
Internet-Edition Wieske's Crew KG (nach einer Idee von Peter Gorschlüter
und Felix Götz)
Führungen Studenten der Literaturwissenschaften und des Studiengangs
Schauspieltheater-Regie der Universität Hamburg
Produktionsleitung Katharina von Wilcke
Recherche und Seminarbegleitung Sonja Valentin
Beratung Lutz Engelke, Katharina Albrecht, triad, Berlin
Frau Dr. Müller-Wesemann, Zentrum für Theaterforschung der Universität
Hamburg
Eine Produktion der Hamburger Kammerspiele
Das Projekt wird von zwei Lehrveranstaltungen an der Universität
Hamburg, Literaturwissenschaft und Regiestudiengang, begleitet.
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